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Von Daniel Kosch
Neben den frei gewählten Projekten gibt es in
jeder Schule auch jene, die ihr aufgezwungen werden: Ereignisse
oder Entwicklungen, über die sie nicht entscheiden kann,
fordern eine Antwort oder bringen die Schule dazu, sich selbst
weiter zu entwickeln.
Für die Schule Rüschlikon war es die Verhaftung
und Verurteilung eines Lehrers wegen sexueller Übergriffe
gegenüber Kindern, die zunächst eine energische
Krisenintervention erforderte. Bald aber zeigte sich auch:
Das Thema muss projektartig aufgearbeitet werden, um die Prävention
zu verbessern und um nachhaltige Antworten auf die zahlreichen
Fragen zu finden, die der konkrete Krisenfall auslöste.
Die Aufgabe, die den Verantwortlichen in der Behörde,
in den Schulleitungen aber auch der gesamten Lehrerschaft
gestellt war, hatte also zwei Aspekte: Einerseits, die konkreten
Ereignisse aufzuarbeiten, und anderseits, das viel breitere
und vielfältige Thema sexueller Übergriffe aufzugreifen.
Dabei galt und gilt es zu beachten, dass keineswegs nur Lehrpersonen
als Täter in Frage kommen. Im Gegenteil: Die Statistik
zeigt, dass zahlreiche Kinder im familiären Umfeld, im
Bekanntenkreis, aber auch in der Freizeit - z.B. in Sportvereinen
- zu Opfern von Übergriffen werden. Auch unter Kindern
bzw. Jugendlichen kommt es zu sexuellen Übergriffen:
von verbalen Entgleisungen über psychische bis hin zu
körperlicher Gewalt.
Hinzu kommt, dass sich auch unter den Erwachsenen - seien
es Lehrpersonen oder Eltern - Personen befinden, die früher
Opfer sexueller Gewalt wurden oder die als Täter in Frage
kommen. Und zugleich ist zu beachten, dass niemand gedient
ist, wenn das Thema so aufgebauscht wird, dass ein Klima der
Verdächtigung oder gar übertriebener Distanzierung
entsteht: Frauen und Männer, die sich als Lehrpersonen
oder Lagerleitende zur Verfügung stellen, sollen nicht
primär als "potenzielle Täter" wahrgenommen
werden - sonst können sie ihre ohnehin anspruchsvolle
Arbeit nicht mehr erfüllen.
Aus solchen Überlegungen heraus entwickelte die Schule
Rüschlikon unter der Federführung der Schulpflege
ein projektartiges Vorgehen in vier Etappen.
1. Krisenintervention
Schutz und Betreuung der Opfer, Begleitung der betroffenen
Eltern, Schulklassen und Lehrpersonen, Zusammenarbeit mit
den Ermittlungsbehörden, Medienarbeit und interne Information
standen bei dieser ersten Etappe im Zentrum. Involviert war
ein Minimum an Personen - und weil diese Etappe ganz auf den
konkreten Fall bezogen war, kann dazu nicht viel gesagt werden.
Insgesamt wurde der Schulpflege von vielen Seiten ein professionelles
Vorgehen attestiert.
2. Erste interne Aufarbeitung
Schon während der Krisenintervention wurde deutlich,
dass sich die Schule Rüschlikon dem Thema in seiner ganzen
Breite stellen. An einer internen Tagung der hauptverantwortlichen
Behördenmitglieder und Leitungspersonen der Schule liessen
wir uns von einer externen Fachperson auf einen gemeinsamen
Wissensstand bringen. Und wir legten einige Eckwerte für
das weitere Vorgehen fest:
-Verankerung des Themas in den Bereichen der Personalsuche
aber auch der Mitarbeiterförderung in den Lehrerteams
(z.B. durch Supervision, Kurse etc.).
-Vermehrte Prävention durch Thematisierung der Gefahr
sexueller Übergriffe im Unterricht.
-Erarbeitung eines Leitfadens für das Vorgehen im Fall
von Verdacht oder Hinweisen auf sexuelle Übergriffe in
der Schule, aber auch im privaten Umfeld der Kinder.
-Erarbeitung von Leitlinien für besonders sensible Situationen
(z.B. Schullager).
3. Fortbildungstag für Lehrerschaft
und Schulpflege
Den Auftakt zur Umsetzung dieses anspruchsvollen Massnahmenplans
bildete eine gemeinsame Schultagung für Lehrerschaft
und Behörde. Unter der Leitung der Fachfrau Maja Pfaendler
wurde das Thema in seiner ganzen Vielfalt aufgearbeitet. Schon
die Vorbereitung zeigte: Es geschieht schon viel und auch
viel Gutes - aber es muss besser vernetzt und auch so verankert
werden, dass nicht das Gutdünken der einzelnen Personen
entscheidet, was gemacht wird. Es muss diesbezüglich
Klarheit und Übereinstimmung an der gesamten Schule herrschen
- denn nur so kann gewährleistet werden, dass der Frage
auch dann noch Beachtung geschenkt wird, wenn der konkrete
"Fall" des Jahres 2002 nur noch Vergangenheit sein
wird, weil andere Lehrpersonen, andere Kinder und auch andere
Schulpfleger da sind.
Sehr eindrücklich waren die Gespräche, die im Rahmen
dieses Fortbildungstages geführt wurden. Beispiele aus
der Praxis zeigten, dass Lehrpersonen oft mit heiklen Situationen
konfrontiert sind: Ein Oberstufenlehrer, der in ein persönliches
Gespräch über den Liebeskummer einer Jugendlichen
verwickelt wird - eine Mittelstufenlehrkraft, die im Klassenlager
für Nachtruhe sorgen muss - ein Hortner, der mit Kindergartenkindern
konfrontiert ist, die auf dem WC Hilfe brauchen - ein Turnlehrer,
der das Geräteturnen anleiten muss: Wo müssen sie
Grenzen setzen? Wo sich vor dem Verdacht schützen, diese
überschritten zu haben? Wann andere Kolleginnen oder
Kollegen ansprechen, von denen sie den Eindruck haben, die
respektierten die Grenzen nicht? Wann und wie intervenieren,
weil sie den Eindruck haben, dass die anvertrauten Kinder
mit Übergriffen konfrontiert sind? Allein die Beispiele
und Fragen zeigen:
-Regelungen und Klärungen sind nötig
-Ebenso wichtig ist es, eine Ebene zu finden, auf der das
Thema auf gute Art angesprochen werden kann
-aber am Wichtigsten ist ein "präventives Klima",
eine Sprache, ein Stil und eine Gesprächskultur, die
einen möglichst professionellen Umgang mit der Thematik
sicherstellen.
4. Nachhaltige Sicherung der Erkenntnisse
und Schlussfolgerungen
Die vierte und letzte Projektetappe besteht in der nachhaltigen
Sicherung der Erkenntnisse und Schlussfolgerungen: Ein Leitfaden
für Kriseninterventionen, ein Merkblatt für die
Durchführung von Schullagern, ein Beschluss der Schulpflege
über die Aufnahme des Themas in Schulprogramme und Weiterbildungskonzepte,
das Einfliessenlassen des Themas in die Elternmitwirkung,
ein Dossier für jedes Lehrerteam mit Adressen von Beratungs-
und Kriseninterventionsstellen, eine Sammlung von geeigneten
Lehrmitteln und weitere konkrete Massnahmen stellen sicher,
dass es nicht nach kurzer Zeit heisst: "Wie gewonnen
- so zerronnen".
Ziel jeden Projektes ist es ja, Ergebnisse oder Folgen zu
zeitigen, die nachher in den Alltag der Schule einfliessen.
Am Ende des Schuljahres 2003/2004 ist dieser Punkt erreicht.
Das heisst nicht etwa, dass man nun wieder zur Tagesordnung
übergeht, als wäre nichts gewesen - es heisst vielmehr:
Wir haben aus der Krise gelernt und die Herausforderung angenommen,
die damit verbunden war. Wir hoffen, für die Problematik
sexueller Übergriffe sensibler geworden zu sein. Und
natürlich ohne die Garantie für ein "nie wieder"
übernehmen zu können, hoffen wir, einen Beitrag
zur Prävention und damit zur Vermeidung solcher Übergriffe
zu leisten, die für die direkt Betroffenen wie für
deren Angehörige oft eine schwere und langjährige
Belastung darstellen.
Für die verantwortliche Arbeitgruppe: Daniel Kosch
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