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Unheimliche Ereignisse auf der Schmuggleralpe
Sonntag, 11. Juli 2004, 10.59 Uhr: Gut gelaunt und nichts
ahnend bestiegen 33 Dritt- und Viertklässler/innen und
ihre Leiter/innen in Rüschlikon den Zug. Dieser brachte
sie nach mehrmaligem Umsteigen an den bekannten Ferienort
Dalpe im Tessin. Die Reise ist ja nicht weit, und so war man
schon bald im Postauto, das vom Tal den Berg hochfährt.
Neugierig reckten die Kinder ihre Hälse, und jedes wollte
als erstes einen Blick auf das Dorf erhaschen. Doch was war
das? An Stelle der Ortstafel "Dalpe" hing ein vom
Wetter gebräuntes Kartonschild, das mit ungelenk gekritzelten
Buchstaben das merkwürdige Wort "Schmuggleralpe"
entziffern liess. Was sollte das bedeuten?

Die Antwort auf diese Frage erfolgte schneller als uns allen
lieb war. Als wir uns dem Lagerhaus des Ferienkolonievereins
Rüschlikon näherten, stellten einige gleich fest,
dass das Haus von fremden Menschen bewohnt war! Tatsächlich:
Eine freche Schmugglerbande hatte sich in unserem Haus eingenistet
und hatte vor, die ganze Woche da wohnen zu bleiben! So blieb
uns nichts anderes übrig, als uns zurückzuziehen.
In einer hitzigen Diskussion berieten die Rüschliker
Schulkinder und ihre Leiter/innen, was man in dieser Situation
tun konnte. Die Polizei anzurufen schien uns zu gefährlich.
So wurde beschlossen, einige Spione zum Haus zu schicken.
Sie hatten die Aufgabe, alles was die Schmuggler unternahmen,
zu erforschen. Hier folgt ihr Bericht:
Bereits am Sonntagabend konnte man beobachten, wie der Bandenchef
alle Schmuggler zusammen rief und ihnen erklärte, was
sie mit dem Schmuggelgut in ihren Geheimschachteln machen
sollten. Sie durften ihre Kostbarkeiten zwar mit anderen Schmugglern
tauschen, doch mussten sie auf die Zöllner acht geben,
die jeden Abend Kontrollen machten und bestimmte Gegenstände
beschlagnahmten. Auch wusste man nie genau, welche Sachen
am Abend weggenommen würden. Es gab jedoch Hinweise darauf.
Wenn man diese erriet, konnte man schnell die verbotene Ware
loswerden, indem man sie gegen harmlosere Sachen eintauschte.

Es sollte sich dann zeigen, dass nicht alle Schmuggler die
gleich gute Nase hatten, und manch einer hatte schon nach
wenigen Tagen eine leere Schachtel! Doch es gelang einer jungen
Schmugglerin, durch geschicktes Tauschen während der
Woche sogar mehr Gegenstände als zu Beginn in ihrer Schachtel
zu sammeln.
Am Montag waren die einen Schmuggler damit beschäftigt,
Säckchen aus einem glänzenden Stoff zu nähen,
in denen Schmuggelware verstaut werden konnte. Wie viele Löcher
mussten da gestanzt werden, bis man die Kordel hindurch ziehen
konnte! Von aussen betrachtet sah das alles ganz harmlos und
friedlich aus, aber wer weiss, was die Gauner dabei im Schilde
führten! Der Nachmittag war dann der körperlichen
Ertüchtigung gewidmet. Schmuggler müssen fit sein,
das weiss jedes Kind. So trainierten die Schmuggler in verschiedenen
Disziplinen ihren Körper und am Abend mit verschiedenen
Brettspielen ihre geistige Beweglichkeit und Listigkeit.

Am Dienstag beobachteten die Spione, wie sich die ganze Schmugglerbande
mit beladenen Rucksäcken auf einen weiten Weg machte.
Vorsichtig und unbemerkt nahmen die Rüschliker Kinder
den selben Weg und folgten der Bande bis nach Piotta. Dort
bestiegen die Schmuggler, als harmlose Touristen getarnt,
die steilste Standseilbahn der Welt, die zum Ritom-Stausee
hinaufführt.

Selbstverständlich folgten ihnen die Kinder in gebührendem
Abstand. So sah man auf einer Strecke von nahezu einem Kilometer
verteilt verschiedene Wanderergruppen dem See entlang und
dann in die Höhe bummeln. Oben blies ein kalter Wind,
und auch die Sonne versteckte sich, als wollte sie der Schmugglerei
nicht zusehen. Einzeln machten sich die Schmuggler daran,
ein vom letzten Winter liegen gebliebenes Schneefeld zu durchqueren,
und manchmal rutschte einer aus. Es schien, dass einige auch
absichtlich mehrmals den Abhang hinunter glitten, doch genau
konnte man das nicht feststellen.

Die Bande machte dann Feuer am Ufer eines kleinen, kreisrunden
Sees und briet in den Flammen merkwürdige Speisen, die
man aus der Ferne nicht genau identifizieren konnte. Die einen
Dinge waren länglich, braun und gekrümmt, andere
ganz rund und eher rotgelb, wieder andere bräunlich und
flach.

Sichtlich gestärkt machten sich die Schmuggler dann daran,
mit ihren schweren Rucksäcken den Pass zu überqueren.
Auf der anderen Seite stiegen sie hinunter und näherten
sich einem einsamen Haus, das mit dem Schriftzug "Cardinal"
bezeichnet war. Wohnte da wohl der Boss der Bande mit seinem
Codenamen, was auf Deutsch übersetzt "Der Kardinal"
heisst?

Wie dem auch sei - es schien nicht ratsam, in diesem Moment
das unbekannte Haus zu betreten. Als die Schmugglerbande jedoch
wieder gegangen war, trauten auch wir uns hinein. Unser Durst
war allzu gross geworden und wir mussten nach Getränken
fragen. Welche Überraschung: Die Schmugglerhütte
war als ganz gewöhnliches Restaurant getarnt, angefüllt
mit allen möglichen ausgestopften Tieren, vom Iltis bis
zum Auerhahn! Die machten das ja schon sehr geschickt, wie
wir anerkennend feststellen mussten. Der Inhalt der Schmugglerrucksäcke
blieb jedoch unauffindbar. Gerne tranken wir, was unsere Leiterin
und "Der Kardinal" uns servierten. Ohne noch eine
weitere Spur von der Bande zu entdecken, kehrten wir dann
zur Schmuggleralpe zurück.

Erst am folgenden Tag konnten wir die Spur der Schmuggler
wieder aufnehmen, als sie erneut mit ihren Rucksäcken
das Haus verliess. Doch wie leicht die Verfolgung diesmal
war! Die Bande versuchte gar nicht, sich zu verstecken, sondern
folgte dem alten Saumweg, der über die alte Zollstation,
heute eine Ruine, durch die Piottino-Schlucht zum neuen Zollhaus
"Dazio Grande" führt. Dieser Weg war auch auf
unseren Karten eingezeichnet und so folgten wir ihnen ohne
Mühe. Doch als schliesslich die letzten von uns in der
Zollstation eintrafen, war von den Schmugglern nichts mehr
zu sehen. Nur noch der Bandenchef, der einen verletzten Fuss
hatte und eine junge Schmugglerin, die an Bauchweh litt und
die deshalb mit einem Wagen gekommen waren, sassen unauffällig
wie Feriengäste im Garten hinter dem Haus und lächelten,
als wir schweisstriefend ankamen. Selbstverständlich
gaben auch wir uns nicht zu erkennen. Zum Glück hatten
uns einige Eltern etwas Geld gespendet, sodass wir uns wiederum
mit reichlich Getränk erfrischen konnten.

An einem warmen Abend konnte man vor dem Haus etwas ganz Merkwürdiges
beobachten. Die Schmuggler schienen sehr erschöpft zu
sein. Das konnte man leicht feststellen. Doch was trieben
sie da auf der Terrasse vor dem Haus? An verschiedenen Orten
waren Einrichtungen aufgebaut, an denen sich die einzelnen
Leute erholen und pflegen konnten, was mit dem alten Schmugglerwort
"wellnessen" bezeichnet wurde. Die einen wellnessten
barfuss zwischen Plastikgefässen mit warmem, lauwarmem
und kaltem Wasser hin und her. Andere "peelten",
mit einem Gemisch aus Flüssigseife und Vogelsand ihre
Haut um sich dann an einem anderen Ort eine Hautsalbe selber
herzustellen oder sich die Hände und Füsse mit Öl
einreiben zu lassen. Es schien, als seien auch Schmuggler
nicht unermüdlich und benötigten von Zeit zu Zeit
etwas Pflege! Doch als das geschehen war, hatten sie durchaus
wieder Energie für Volley-, Fuss- und Wasserball sowie
andere Aktivitäten.
Am Donnerstag dann schien es, als hätten die Schmuggler
unsere Spione entdeckt! Eine gewisse Nervosität wurde
feststellbar, als die Schmuggler grosse Mengen an Esswaren
zusammenpackten und auch Kochtöpfe aus Blech bereitstellten.
Wollten sie etwa abhauen? Fast schien es so, als die ganze
Bande schwer beladen das Haus verliess. Wieder verfolgten
sie einige von uns unauffällig. Die Schmuggler zogen
zum Fluss hinunter, in Richtung Faido, wie wenn sie den Talboden
des Tessins erreichen wollten. Dann aber machten sie Halt
und entzündeten zwei grosse Feuer. Waren das Signalfeuer,
Rauchzeichen? Und für wen? Wir konnten beobachten, wie
sie unter Anleitung einer Schmugglerin in den Kochtöpfen
Wasser zum Sieden brachten und verschiedene Zutaten hineinwarfen!
Hatten die nach dem kurzen Wegstück schon Hunger? Es
schien nicht so zu sein, hüpften doch die meisten im
Fluss von Stein zu Stein und erkundeten, wie man das Wasser
stauen könnte. Das Verhalten der Schmuggler erschien
uns immer rätselhafter...
Irgendwann aber kehrten alle zu den Feuern zurück, nahmen
Gabeln aus einem Korb und schaufelten sich eine heisse Masse
mit kleinen Stücken von braunen, klein geschnittenen
Esswaren in den Mund. Darauf legten sie sich ins Gras und
dösten. Offensichtlich hatte die Bande ihre Flucht aufgegeben,
denn sie blieb während längerer Zeit an diesem Ort.
Allerdings gelang es ihnen nicht, das Wildwasser zu stauen,
obwohl sich fast alle darum bemühten. Das Wasser war
auch allzu reissend. Glücklicher Weise stand ein gross
gewachsener junger Mann in der Mitte des Flusses und half
den Schwächeren hinüber. Wie schnell hätte
es sonst geschehen können, dass jemand vom Wasser mitgerissen
würde! Andere trauten sich nicht in Wasser, sondern bauten
im hellen Sand eine kleine Stadt mit Hotels, Tennis- und Golfplätzen,
Garagen und so weiter. Vermutlich sollte dies der Bauplan
ihres zukünftigen Wohnortes zu sein. Die Schmuggler schienen
einen guten Zusammenhalt untereinander zu haben, und jeder
sorgte für die anderen, fast wie unter den Kindern in
einem Schul-Ferienager!
Das Merkwürdigste schien uns aber noch bevor zu stehen!
Am Abend räumten die Schmuggler den ganzen Esssaal leer
und bauten auf einem Tisch glänzende und blinkende Apparate
auf, die laute Musik von sich gaben. Dazu führten sie
wilde Tänze auf, bei fast vollständiger Dunkelheit.
Und die Mengen an verschiedenen Desserts, die von der Köchin
an diesem Abend aufgetischt und von allen verschlungen wurden!
Bedeutete dieses Verhalten etwas Besonderes?

Die Antwort auf all diese Fragen erhielten wir erst am folgenden
Morgen. Da standen auf einmal fertig gepackte Koffern, Taschen
und Rucksäcke vor dem Haus. Ein Mann lief mit Socken,
Pullovern, Unterhosen und ähnlichem herum und fragte
laut, wem diese Dinge wohl gehörten. Wir vermuteten,
dass Schmuggler ein besonders kurzes Gedächtnis besitzen.
Das hätte den grossen Vorteil, dass sie, wenn sie erwischt
werden, gegenüber der Polizei niemanden verraten könnten!
Doch auch diese Frage konnte nicht restlos geklärt werden,
denn auf einmal tauchte ein Mann in einem blauen Hemd auf
und behauptete, er sei der Fahrer des Busses und, so schnell
wie sie gekommen war, verschwand die Schmugglerbande mit all
ihren Sachen den Weg hinauf. Bald war alles still und man
hörte nur noch das ferne Brummen des grossen Busses,
der die unheimlichen Menschen ausserhalb unserer Reichweite
trug. Dass wir erleichtert waren, muss wohl nicht besonders
erwähnt werden.
Wir waren etwas enttäuscht, dass diese spannende Zeit
so schnell und unvermittelt zu Ende war. Aber nichts dauert
ewig! Wir hatten zwar eine ereignisreiche Woche erlebt, jedoch
nicht alle Geheimnisse der Schmugglerei lösen können.
Und da nun hier nichts mehr zu tun war, machten auch wir uns
wohl oder übel auf den Nachhauseweg. Beim Zurückblicken
auf unseren schönen Ferienort entdeckten wir das altvertraute
Schild "Dalpe" am Ausgang des Dorfes. Merkwürdig:
Hatten die Schmuggler die vergilbte Kartontafel "Schmuggleralpe"
wieder entfernt - oder hatten wir das alles nur geträumt???
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