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Zürichsee-Zeitung Sihltal-Thalwil Montag, 17. November
2008
Kugelfisch liebt Zitteraalin
Paula
Das Wasser stand in der gesamtschweizerischen Erzählnacht
vom Freitag im Zentrum. In Rüschlikon luden Schüler
der Oberstufe ihre Zuhörerschaft erzählerisch in
die Unterwasserwelt ein.
Von Marianne Bosshard
«120 Augenpaare lagen auf mir», erzählt Vincent
Pelichet und findet gewichtige Worte für seine Nervosität:
«Es war Horror.» Er sei sehr aufgeregt gewesen,
vor so vielen Leuten seine Geschichte «Die Stadt in
den Wolken» vorzulesen, erklärt der Oberstufenschüler
in raschen Worten. Gerade diese und sein neckisches Lachen
lassen aber keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich seine
Nervosität wenige Minuten nach seinem Auftritt längst
in einen positiven Adrenalinkick und Stolz gewandelt hat:
Er scheint sich gewiss zu sein, das Publikum mit Spritzigkeit
unterhalten zu haben.

Nicht nur Vincent Pelichet benötigte am Freitagabend
eine grosse Portion Mut. Auch für weitere «Jungautoren»
der Rüeschliker Oberstufe am Pilgerweg galt es, in der
bereits zum fünften Mal durchgeführten Erzählnacht
das zahlreich erschienene Publikum mit eigens verfassten Texten
zu packen. Das Thema der diesjährigen, in der ganzen
Schweiz stattfindenden Erzählnacht lautete dabei «Geschichten
vom Wasser». Und so kamen Eltern, Grosseltern und Freunde
der jungen Sprachakrobaten in den Genuss eines bunten Mix
aus erzählten Ferienerlebnissen, Gedanken zur Kostbarkeit
von Wasser und Phantasiegeschichten aus der Sicht von Fischen
und Regentröpfchen, umrahmt von Theatersequenzen in einer
Strandszenerie.
«Ungeheure Dynamik»
Krönender Abschluss des Abends bildete eine Lesung des
Schweizer Autoren Richard Reich, Gründer des Zürcher
Literaturhauses, der einen Ausschnitt aus seinem eben entstehenden
Roman und die Geschichte «Die zwei Königskinder
von Oetwil am See» – ein Text, der in Zusammenarbeit
mit einer Schulklasse entstand – zum Besten gab.

Richard Reich äussert sich denn auch zu den Texten der
Schülerinnen und Schüler und bringt deren Qualität
auf den Punkt: «Es war für mich eine Herausforderung,
quasi in der Nachspielzeit mit den eigenen Texten aufzutreten.
Denn viele der heute gehörten Geschichten haben mich
an eigene Gefühle erinnert – und um die geht es
doch in der Literatur.» Beispielsweise hätte er
sich darin wiedererkannt, dass sich die Mädchen und Jungen
das Wasser vielfach als etwas Schutzbietendes vorstellten.
«Zudem leben ihre Geschichten von einer ungeheuren Dynamik»,
fügte der Autor geradezu bewundernd bei. Und wirklich:
Das dichte Nebeneinander von ernsten Gedanken zum verschwenderischen
Wasserverbrauch und den Gefahren von Überschwemmungen,
erfundenen Unterwasser-Abenteuergeschichten und Geschichten
aus einer Fisch-Erzählperspektive sorgten für ein
Sammelbad der Gefühle im Publikum. Dabei entstanden immer
wieder Überraschungsmomente, die für Lacher sorgten:
Etwa als das kleine Wassermännchen sich das Bein bricht,
um später zu Tode zu verdunsten, oder als sich der dicke
Kugelfisch in die hübsche Zitteraalin Paula verliebt.
Das Max-Fischchen
Oder als sich der Junge Max in einen Fisch verwandelt glaubt
und sich auf dem Servierteller eines noblen italienischen
Restaurants wiederfindet, in dem eine reiche Schweizer Familie
gerade «Max» bestellt. Erfinder des Max-Fisches
ist Marco Giordano: «Die Geschichte ist mir spontan
eingefallen, und nun bin ich erleichtert, dass ich meine erste
Erzählrunde hinter mir habe.» Ein bisschen mehr
Übung im Vorlesen hatte Aline Schmuki, die sehr gerne
schreibt und schon an der letzten Erzählnacht mit von
der Partie gewesen war: «Besonders über eigene
Erlebnisse schreibe ich sehr gern.»

Dieses Mal allerdings boten ihre Erinnerungen an Wassererlebnisse
nicht genügend Erzählstoff – Ideenanregungen
aus der Schule sorgten für den nötigen schreiberischen
Input. «Beispielsweise hörten wir mit den Schülern
Musik, um eine Inspiration zu geben», erklärt Oberstufenleiter
Stefan Bruhin und verleiht seiner Zufriedenheit über
den Anlass Ausdruck: «Die Erzählnacht ist ein wunderbarer
Rahmen dafür, das Zuhören, Schreiben und Vorlesen,
die alle nicht mehr so modern anmuten, wieder einmal so richtig
zu zelebrieren. »
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